Kurzgeschichte | NOVEMBER

Sonntag, 3. November 2019

Ich stehe an der Bushaltestelle und warte, warte auf den Bus und mein Leben und das Glück und die Zukunft. Es ist kalt. Der Regen durchnässt meine Schuhe, die sowieso mehr Dreck als Schuh sind, ich betrachte die verschiedenen Schmutzschichten und frage mich, wie sie unter dem Schmutz eigentlich ausgesehen haben. Meine Füße sind klamm und schmatzen in den Schuhen, wenn ich die Zehen bewege, die ich kaum noch spüre, weil sie langsam, aber stetig abfrieren. 

Es ist Mitte November und die ach so glücklichen Paare und gestressten Mütter und vielzualtaussehenden Väter sind schon jetzt vom hektischen Vorweihnachtskaufrausch befallen, schmeißen hier und da und dort ihr sauer verdientes Geld für supertolle Glitzerpuppen und den zehnten Haute Couture-Trend-Übergangsregentrenchcoat den schnuckeligen Verkäuferinnen in den Rachen, weil die Jacke ist doch chic und ach Schatz, für genau diese zwei Übergangswochen zwischen Sommer und Herbst habe ich noch keine Jacke, auch wenn es fast schon wieder Winter ist und sie nächstes Jahr sicher längst out sein wird.

Die Anzeige am Busbahnhof wechselt auf drei Minuten, dann sechs, dann zwei. Vom rostigen Dach der Haltestelle tropft es genau auf meinen Scheitel, aber ich bemerke es kaum, ich bin eh schon durchweicht und zittrig vom Regen, den eine Windböe frontal in mein Gesicht weht. Ich würde gern einen Schritt zurück gehen, mich tiefer in dem Bushäuschen verkriechen, aber hinter mir steht einer dieser vielzualten Väter und atmet in meinen Nacken und ich weiß nicht ob mit Absicht oder nicht. Einen Schritt vor kann ich auch nicht, denn es regnet immer noch vom trüben novemberwolkenbehangenen Großstadthimmel. Die Anzeige zeigt 4 Minuten an, ich stehe hier schon seit zwölf und warte auf den Bus, der alle zehn Minuten fährt, angeblich.


Es riecht nach feuchter Straße, Hund und verbranntem Müll und da fällt mir ein, ich muss zuhause noch den Köter füttern, sonst jault er wieder die ganze Nacht. Er gehört mir nicht, irgendwann war er einfach da und ging nicht mehr weg, weder er noch seine Haare auf all meinen Klamotten. Der heiße Atem in meinem Nacken ist immer noch da, jetzt sogar noch näher, aber niemand schaut von seinem Handy auf und ich schaue nach vorn, das Gesicht mutig dem Regen zugewandt. Es ist ein bisschen wie auf einem Boot, nur ohne das Schaukeln. Aber genauso windig, genauso nass. Ich bin auf einem Boot und stehe ganz vorn am Bug, höre das Rauschen des Meeres, dann bläst er mir seinen Atem entgegen und ich bin zurück an der Bushaltestelle. Noch zwei Minuten, sagt die Anzeige.

Jetzt gehen die Straßenlaternen an, zack zack zack, eine nach der anderen wirft uns ihr matschiges gelbes Licht entgegen und wir wartenden Bus-Boots-Passagiere schließen die Augen, um so zu tun, als wäre es Sonnenlicht. Doch der Regen macht den schönen Schein kaputt, lässt die Sehnsucht in Bächen unsere Gesichter herunterrinnen und Pfützen zu unseren Füßen bilden. In der Ferne erkenne ich die sich rasch nähernden Scheinwerfer eines Busses, aber er ist brechend voll und hält gar nicht erst an. Begrüßt uns nur mit einem Schwall braunem Bordsteinkantenwasser, während er vorbeizischt, die Rücklichter zu einer schadenfrohen Fratze verzogen. 

Die Anzeige lacht uns aus und zeigt zehn Minuten an. Der heiße Atem in meinem Nacken lacht auch. Ich trete einen Schritt in den Regen hinaus und gehe zu Fuß.

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